„Langer Atem“ von Jeong-in Mun: Das Leben einer Haenyeo aus drei Perspektiven

„Langer Atem“ ist eine emotionale Geschichte über eine koreanische Haenyeo – eine Meerestaucherin – und ihre Familie auf der Insel Jeju.

Vor einiger Zeit wurde mir ein interessantes Buch zugeschickt, dessen Geschichte mich zum Nachdenken gebracht. In der Graphic Novel „Langer Atem“ erzählt die auf Jeju geborene Illustratorin Jeong-in Mun die Geschichte ihrer eigenen Großmutter, die als Haenyeo auf der südkoreanischen Insel lebt und arbeitet. Dabei erzählt sie die Familiengeschichte aus drei Perspektiven: der ihrer Großmutter Chunja, ihrer Mutter Hyekyoung und ihrer eigenen. Die Handlung springt zwischen verschiedenen Zeiten und zeigt, wie unterschiedlich drei Generationen von Frauen dasselbe Leben wahrnehmen.
Obwohl ich bereits einiges über die Haenyeo wusste, hat mir die Geschichte dadurch Einblicke gegeben, die ich sonst vermutlich nicht bekommen hätte. Denn im Mittelpunkt steht weniger der Beruf selbst als das Leben einer dieser Frauen und ihrer Familie.
Drei Generationen – drei unterschiedliche Blicke
Interessant fand ich dabei, wie unterschiedlich die drei Frauen das Leben als Haenyeo wahrnehmen. Was für Chunja über Jahrzehnte zum eigenen Alltag gehört, ist für ihre jüngste Tochter Hyekyoung mit ganz anderen Gefühlen verbunden und wird von ihrer Enkelin Jeong-in wiederum aus einer anderen Perspektive betrachtet.


Eine Szene aus Hyekyoungs Kindheit ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Als es zu regnen beginnt, läuft Hyekyoung nach draußen, ruft nach ihrer Mutter und sucht sie. Denn mit dem Regen wird auch das Meer gefährlicher und aus dem Warten auf die Mutter wird für das Mädchen zunehmend die Angst, dass sie vielleicht gar nicht zurückkommt.
Diese Szene fand ich gleichzeitig schön und traurig. Vielleicht berührt mich diese Szene auch deshalb besonders, weil ich vor gar nicht so langer Zeit selbst Mutter geworden bin. Bei den Haenyeo hatte ich bisher vor allem daran gedacht, wie körperlich anstrengend und gefährlich ihre Arbeit für die Frauen selbst ist. Aber was bedeutet es für ein Kind, wenn die eigene Mutter dieser Gefahr Tag für Tag ausgesetzt ist?
Ganz anders blickt Jeong-in Mun als Enkelin auf ihre Großmutter. Für sie ist deren Leben als Haenyeo viel stärker mit Faszination verbunden. Gerade diesen Gegensatz fand ich spannend: Während die eine Generation mit der Arbeit Angst und Abwesenheit verbindet, blickt die nächste mit ganz anderen Augen darauf.
Jeju im Wandel – auch in den Zeichnungen

Auch grafisch hat mir „Langer Atem“ gut gefallen. Der Comic ist komplett in Schwarz-Weiß gezeichnet und hat einen sehr eigenen Stil. Anfangs musste ich mich ein wenig daran gewöhnen, mit der Zeit passten die Zeichnungen für mich aber immer besser zur Geschichte.
Besonders mochte ich die kleinen Details, durch die Jeong-in Mun zeigt, wie viel Zeit eigentlich vergeht. Während anfangs kleinere Häuser das Bild Jejus prägen, stehen später Hochhäuser im Hintergrund. Das wird nicht groß erklärt – irgendwann sind sie einfach da. Auch Veränderungen der Arbeitsbedingungen der Haenyeo werden eher beiläufig aufgegriffen. Die Gewässer werden wärmer und bestimmte Meerestiere, die von ihnen gesammelt werden, kommen seltener vor. Erwähnt wird das lediglich in einem kurzen Fernsehbeitrag, den die Großmutter sieht. Ich mochte diese Zurückhaltung, weil man solche Veränderungen selbst entdecken kann, anstatt sie ausführlich erklärt zu bekommen.
Nur bei einzelnen Zeichnungen musste ich etwas genauer hinschauen. Bei einer dunklen Basaltmauer mit dahinterstehenden schwarzen Schweinen habe ich beispielsweise einen Moment gebraucht, um überhaupt zu erkennen, was ich dort sehe. Das war für mich aber eher eine kleine Eigenheit des Schwarz-Weiß-Stils als ein wirkliches Problem.
Was bei mir hängen geblieben ist

Obwohl sich „Langer Atem“ ziemlich schnell lesen lässt, fühlte sich die Geschichte für mich im Nachhinein größer an. Vor allem die letzten Seiten haben meine Wahrnehmung von Chunja noch einmal verändert. Hier erfährt man mehr darüber, wie sie selbst auf ihr Leben und ihre Arbeit als Haenyeo blickt. Einige ihrer Gedanken haben vieles, was zuvor erzählt wurde, für mich noch einmal in ein anderes Licht gerückt.
Ich habe danach tatsächlich darüber nachgedacht, wie viel in einem Leben eigentlich aus eigener Entscheidung entsteht und wie viel durch die Umstände vorgegeben wird. Und ob man Jahrzehnte später selbst noch genauso auf das eigene Leben blickt wie zu dem Zeitpunkt, an dem man bestimmte Entscheidungen getroffen hat. Der Comic gibt darauf keine Antworten. Gerade deshalb war ich nach dem Ende ein wenig traurig und vor allem nachdenklich.
Nur ein Handlungsstrang gegen Ende war mir etwas zu offen. Hier hätte ich wirklich gerne noch gewusst, wie es weitergeht. Gerade weil mich die Geschichte zu diesem Zeitpunkt längst gepackt hatte, hätte ich darauf gerne noch eine Antwort bekommen.
Mein Fazit zu „Langer Atem“

„Langer Atem“ hat mir gut gefallen – vor allem, weil der Comic meinen bisherigen Blick auf die Haenyeo ergänzt hat. Ich kannte vorher viele Fakten über ihren Beruf. Nach dem Lesen hatte ich dagegen stärker das Gefühl, eine einzelne Frau und zumindest einen kleinen Teil ihrer Familiengeschichte kennengelernt zu haben.
Man muss dafür meiner Meinung nach kein Korea-Kenner sein. Die Familiengeschichte funktioniert auch ohne großes Vorwissen. Wer Jeju und die Haenyeo bereits kennt, wird jedoch wahrscheinlich das ein oder andere Detail in den Zeichnungen und der Geschichte wiedererkennen. Gerade deshalb würde ich „Langer Atem“ beiden empfehlen: Menschen, die zum ersten Mal etwas über die Haenyeo lesen, aber auch denjenigen, die den Beruf längst kennen und einmal eine persönliche Perspektive darauf kennenlernen möchten.
Hinweis: Das Buch wurde mir vom Verlag Rotopol kostenlos als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies hat keinen Einfluss auf meine Meinung und Bewertung.

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